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Die Geschichte übern "Berg"

Vom Schottenfeld über die Schildkrotgasse rein in die Störergasse, ums Eck in die Schwabengasse, runter ins Mordgassel und Sie sind da. Hoffentlich. Vielleicht noch einen Sprung in die Entengasse, wer weiß.

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© Krupicka

Neubau durch die Jahrhunderte. Aus den verschiedenen Vorstädten, oder Teilen von ihnen, entstand der heutige Bezirk Neubau. St. Ulrich, Alt-Lerchenfeld, Neubau, Spittelberg, Mariahilf, Laimgrube und Schottenfeld entwickelten sich eine Zeit lang voneinander mehr oder weniger unabhängig und in unterschiedliche Richtungen. Vor allem Spittelberg unterschied sich u. a. aufgrund seiner Höhenlage bald deutlich von den anderen Vorstädten. Im 15. Jahrhundert blickten noch Rinder, Schafe und Ziegen von den Bergweiden runter ins nahe Wien. Erste relevante Grundherrschaft war das Bürgerspital, das schließlich der Vorstadt auch seinen bis heute existierenden Namen gab.

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© Krupicka

Seit dem Jahr 1525 vergrößerte die Herrschaft ihre Gebiete durch Tausch und Zukauf, so dass Safrangärten, Wein- und Krautgärten, Äcker, Wiesen und Felder den Besitzer wechselten. Als freies Eigen verfügte das Bürgerspital über seine Domäne. Indes übernahm der Herr Domherr zu Passau, Karl Freiherr von Kirchberg A.D. 1638 die Grundherrschaft, und in der Folge wurden die Gründe südlich der Neustiftgasse parzelliert und für einen Gulden jährlich vermietet. Ein erster Schritt in die noch heute bestehende Häuserstruktur.

Doch die neue Herrschaft hatte nicht lange Freud´ an ihren Errungenschaften, 1683 blickten statt zahmer Tiere eroberungsfreudige türkische Feldherren vom Berg auf die Stadt. Nicht neu – tat dies doch bereits 1462 Viktorin, Sohn des Böhmenkönigs, allerdings erfolgloser. Später dann, 1809 tat es ihm Napoleon gleich, im Revolutionsjahr 1848 bezog Windisch-Graetz im Namen der Reaktion des Berges Gipfel.

Doch zurück zu den Türken. Die ließen wenig an unzerstörter Bausubstanz zurück, nach ihrem Abzug begann der zügige Wiederaufbau. Und die Grundherrschaft wanderte zurück zum Bürgerspital, das möglichst viele Häuser auf wenig Platz anlegen ließ. Erschwingliche Mieten – und die Renditen flossen zurück ins „Sozialsystem“.

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Spittelberg anno 1785

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Verbauung nahezu abgeschlossen, im Wesentlichen erkennt man auf einem zeitgenössischen Plan bereits die heutige Straßenführung. Kleine Parzellen, Häuser mit Pawlatschenhöfen, im Schnitt nicht größer als 50 Quadratmeter, keine oder kaum Eigengärten, keine Kanalisation, dicht gedrängte schmale Gassen, heute idyllisch, damals zumindest ungesund. Jedoch billig und guter Grund für viele, die sich nichts oder fast nichts leisten konnten, auf den Spittelberg zu ziehen. Und wenn man nichts hat, so kann man auch wenig verlieren. Ein weiterer Schritt in Richtung „Lust und Sinnesfreuden“, Begriffe, die den Spittelberg – zumindest für die Konsument/innen – bis heute nachhaltig beeinflusst haben.

Nach 1795 übernahm die Gemeinde Wien die Grundherrschaft, rund zehn Jahre zuvor zählte man 138 Häuser mit 6000 Bewohner/innen. Die meisten Häuser wurden zweistöckig errichtet, im Erdgeschoß befanden sich kleine Geschäfte, wesentlich häufiger allerdings Gaststätten, zumindest in jedem zweiten Haus war eine. Und die meisten von ihnen waren Bordelle auf minimalem Raum. Meistens bestanden die Wohnungen aus Zimmer/Küche, unter dem Dach wohnten die Menschen oft in „Verschlägen“, häufig allein stehende Damen.

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Lustbarkeit am Spittelberg

Aus heutiger Sicht oft ein wenig verklärt dargestellt, hatten die dort lebenden Menschen wahrscheinlich selten zu lachen. Doch die Kraft, die entsteht, wenn man sich so richtig ans Leben hängt, hat sicher bereits damals faszinierend gewirkt. Aus allen Schichten strömten die Herren zum Berg, um sich zu holen, was sie anderswo nicht finden konnten. Und bezahlten dafür, meistens, mit Geld, oft auch mit ihrer Gesundheit.

Huren, Gaukler, Straßenkünstler, Journaillenschreiber, Artisten, Schriftsteller ... Menschen, die Legenden spinnen. Neben den Bordellen wurde von Wandertruppen Theater gespielt, in Holzverschlägen – bis heute im Theater am Spittelberg – auf freien Plätzen oder in den Gasthäusern;  ermöglicht durch die Gewährung der Schauspielfreiheit 1776 durch Joseph II.

Bänkelsänger, Harfenisten und Sängerinnen sangen ihre deftigen Spittelberger Lieder. Auch diese kann man sich heute noch im „Theater am Spittelberg“ vortragen lassen, wenn auch in vergleichsweise "manierlicher" Atmosphäre.

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© Krupicka

Projektionsfläche, Faszination, ein bisschen Aufständigkeit, ein Hauch von Anarchie – das war verlockend, und soviel hat sich daran nicht verändert. Wiewohl von der jeweiligen Herrschaft oftmals versucht, verliefen die diversen „Säuberungsaktionen“ meist im Sand. So probierte es Joseph II, indem er per 1.1.1789 das k. u. k. Patentamt in der Gutenberggasse ansiedelte. In der Hoffnung, so viele honorige Beamte würden dem wüsten Treiben ein Ende setzen, musste er jedoch einen herben Rückschlag einstecken. Die k. u. k. Bediensteten freuten sich über die neue aufregende Umgebung und sorgten für einen kleinen ökonomischen Aufschwung dort. Eines der Mädchen erkannte gar einen der ihren vorm Hause und begrüßte ihn mit einem herzhaften „Servus Schweindi, was machst denn du do?“.

Die Grenzen des Spittelbergs waren im Wesentlichen gezogen: Neustiftgasse-Faßziehergasse-Burggasse-Stiftgasse-Siebensterngasse-Breite Gasse-Museumstraße. 1861 wurde der Spittelberg Teil des siebten Wiener Gemeindebezirks, genannt Neubau. Der Berg kam zur Stadt, die Mauern wurden geschliffen. Es wurde Neu-gebaut.

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© Krupicka

Im Biedermeier erholte sich der Ruf des Grätzels, mit der sozial-historischen Entwicklung allerdings verfiel die Bausubstanz zunehmend, und noch im 20. Jahrhundert galt der Spittelberg als „Red Light District“, wenn auch den Huren der Zutritt in die Gesellschaft, die sich ihrer bediente, verschlossen blieb. Während des Ersten Weltkriegs erlosch das Rotlicht dann endgültig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen die Häuser am Berg und sollten einem riesigen Zinshauskomplex weichen. Einige Bewohner/innen und Künstler/innen setzten sich zur Wehr, und eine hellsichtige Stadtpolitik beschloss, die meisten Häuser zu erwerben und zu sanieren. So finden Sie am Spittelberg sehr gut erhaltene Biedermeierhäuser, stilvoll restauriert. Diese und die engen Gassen, die kleinräumigen Strukturen, die verwinkelten Plätze, lassen den Spittelberg heute als ein „Dorf“ erscheinen, wiewohl er das – im Gegensatz zu vielen anderen Vorstädten – niemals war. Ein stimmungsvolles „Dorf“, das zum Verweilen einlädt, das noch viel erzählt von seiner Geschichte, wenn man ihm zuzuhören versteht.





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